The French House: Heimat der Bohème

Auf einen Ricard in die legendäre Künstler-Zuflucht

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Tina
4. Oktober 2019
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The French House: Heimat der Bohème, Zuflucht von Künstlern, Autoren, Flaneuren, von Musen und Ex-Boxern. Treffpunkt für Politiker im Exil, für gesellschaftliche Randfiguren, für Gescheiterte und Intellektuelle. Gemeinsam haben sie sich in dem Londoner Pub mit Ricard um den Verstand getrunken, geraucht, gelacht, gepöbelt. Die großen Zeiten des French House sind vorüber, aber der Geist der kreativen Subkultur vergangener Tage sitzt noch heute in der Ecke und wacht über seine Zuhause!

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Die Geschichte von The French House in Soho

1891 öffnete die Kneipe im Soho zum ersten Mal seine Tore. Sein Besitzer: Christian Schmitt. Ja, es ist wahr. Kein Franzose, sondern ein Deutscher war es, der dort zuerst ausschenkte. Damals hieß die Kneipe noch »The York Minster«. Als der erste Weltkrieg ausbrach, übernahm der Belgier Victor Berlemont das Ruder, danach sein Sohn Gaston, der die Geschäfte bis 1989 leitete.

Um das Pub in der Dean Street ranken sich so viele Geschichten und Legenden, dass es beinahe wie Frevel scheint, auseinander dividieren zu wollen, was nun wirklich wahr und was Propaganda ist. Denn es sind genau jene Mythen, die die Kaschemme zum Kult haben werden lassen und zur Pilgerstätte von Nostalgikern auf der Suche nach den Relikten der Bohème des vergangenen Jahrhunderts.

So soll das Pub im Zweiten Weltkrieg Rückzugsort des französischen Widerstands gewesen sein und General Charles de Gaulle, der in London im Exil weilte, Stammgast. Seine berühmte Rede »À tous les Français« soll de Gaulle, behaupten so manche, in der Kneipe nach dem Mittagessen geschrieben haben. Tja, andere sagen, der Franzose habe dort lediglich einmal ein Glas Wein getrunken. Dennoch, die Franzosen müssen Eindruck hinterlassen haben oder warum sonst schlichen sich zu dieser Zeit die Bezeichnungen »The French« und »The French Pub« für den Laden ein. Erst 1984 wurde das Pub in London offiziell zu The French House.

Außenansicht von The French House in London

Gaston Berlemont, Hausherr der alten Schule

Mittelmäßigkeit unerwünscht: The French House in London war sicherlich nie eine Kneipe für die breite Masse. Schon immer zog es eher die Subkultur in das Lokal. Sie war Auffangstation für immer Durstige, Freiraum für Liebhaber des gesellschaftlichen Nischenprogramms, Rückzugsort für Intellektuelle und Halbwelt. Nur Langweiler, die mussten draußen bleiben! Meister der Exzentrik war der Hausherr, Gaston Berlemont, selbst. Mit ausladendem Schnauzbart im Gesicht und einem toleranten Herzen in der Brust hieß er seine Gäste willkommen.

Gaston, so heißt es, sei der geborene Hausherr gewesen. Ein Satz, dem nicht selten ein Grinsen folgt, weil es in diesem Fall durchaus wörtlich verstanden werden darf. Denn Gaston Berlemont soll 1914 tatsächlich im Pub das Licht der Welt erblickt haben und die Kneipe erst 1989, als er endgültig seinen Hut nahm, um in den Altersruhestand zu gehen, wieder verlassen haben. Eine schöne Geschichte, aber auch hier streitet sich Fiktion mit Realität. Wahrscheinlich war es am Ende doch eher im Middlesex Krankenhaus, aber das wäre eben viel zu gewöhnlich für einen Mann wie Gaston Berlemont.

Als Gaston Berlemont am Bastille Tag 1989 in den Ruhestand ging, soll in der Dean Street Ausnahmezustand geherrscht haben – alle kamen, um ihm Respekt zu zollen. Nach diesem Tag soll er die Schwelle seines Pubs nie wieder übertreten haben. Als er ging, endete eine Ära.

The French House in London: Pub für gepflegte Konversation

Warum The French House die intellektuelle, kreative Szene anlockte? Ganz einfach: Weil es in der Kneipe ums Gespräch ging. Keine Musik, kein einarmiger Bandit, überhaupt keine Maschinen – nur die gute, alte Gesprächskultur. Wer dort am Glas arbeitete, kam über kurz oder lang mit den anderen Gästen ins Gespräch. Das lief vielleicht nicht immer harmonisch ab, aber immerhin wurde miteinander gesprochen. Die Gäste des French House in Soho waren eine (mehr oder weniger) verschworene Gemeinschaft und das ohne offensichtlich exklusiv zu sein.

Noch heute mahnt ein Schild an der Wand an, dass Smartphones im Sinne vom ernsthaften Trinken und guter Gespräche in der Tasche zu bleiben haben. Auch im 21. Jahrhundert sind  technische Geräte verpönt, was den Pub zu einem der unterhaltsamsten (entschuldigt den kleinen Wortwitz) der ganzen Stadt macht.

Ein halbes Pint und jede Menge Ricard

Auch das ist eine Eigenart von The French House in London: In dem Pub werden grundsätzlich nur halbe Pints serviert. Damit machte der Hausherr einst klar, dass ein bestimmtes Klientel die Schwelle zum Pub nicht übertreten würde. Außerdem ging so jede Menge seines Hausweines über den Tresen. Und Ricard. Und noch mehr Ricard. Auf der ganzen britischen Insel wird nirgendwo mehr Ricard an den Mann gebracht als in The French House in London.

Die besten Pubs in London

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Boho-Soho in The French House: Wo Dylan Thomas und Lucian Freud pichelten

Obschon auch heute noch immer wieder Prominente in dem Pub einkehren (womöglich, weil sie dort keine trunkenen Handyfotos von Fans befürchten müssen), hat The French House in London seine Blütezeit hinter sich. Es ist schwerer geworden, dem einstigen Boho-Flair nachzuspüren, aber nicht unmöglich. Hunderte Fotografien an den Wänden erinnern daran, wer in der Kneipe einst Stammgast war.

Der Schriftsteller Dylan Thomas soll in dem Pub in der Dean Street regelmäßig getrunken haben. Gut, fürs Trinken ist Thomas berüchtigt und er hatte auch nicht nur eine Stammkneipe. Aber in The French House soll er einst sein Manuskript »Under Milk Wood« unterm Stuhl vergessen haben – das Theaterstück gilt als sein Hauptwerk. Dylan Thomas war in bester Gesellschaft. Die einstigen Stammgäste des Ladens lesen sich heute wie das Who-is-Who der damaligen Szene in Soho. Lucian Freud hat dort getrunken, ebenso wie Nina Hamnett und Primo Carnera, John Heath-Stubbs und Sylvia Plath.

Die ikonischen blauen Markisen des French House in Soho.

Was geblieben ist vom legendären The French House

Das The French House ist mit seinen blauen Markisen und den Frankreich-Flaggen kaum zu verfehlen. Das legendäre Pub steht inzwischen unter Denkmalschutz und ist viel weniger Kaschemme als früher. Eng und dunkel ist es noch heute, aber mit seinem Holz-Interieur durchaus atmosphärisch. Und natürlich ist The French House einer der Orte für kulturaffine Londonbesucher. Schließlich wandelt ihr hier auf den Spuren einiger der relevantesten Figuren der britischen Kulturszene. Und auch wenn diese heute nicht mehr in dem Pub anzutreffen sind, ist ihr schöpferischer Geist noch heute spürbar.

Das gibt es in der Dean Street noch zu sehen

Auf den ersten Blick ist die Dean Street wirklich nichts besonderes. Der Weg lohnt sich dennoch. In Hausnummer 28, direkt über dem Quo Vadis lebte einst Karl Marx unter anderem mit Friedrich Engels in einer WG. Und im einstigen Royality Theatre (Hausnummer 73+74) stand mehrmals Autor Charles Dickens auf der Bühne.


Tour zu den legendärsten Pubs Sohos

Eine Kultstätte genügt euch nicht? Die historische Pub-Tour führt euch unter anderem zur Lieblingskaschemme John Lennons, ihr seht, wo einst Jimi Hendrix mit seinem Gitarrenspiel für Furore sorgte und besucht den Club, aus dem Marilyn Monroe damals vor den Paparazzi floh. Mehr Insider-Wissen über die legendären Kneipen bekommt ihr wohl nirgendwo.

Details zur Tour


Noch mehr von Soho entdecken

Soho ist das Herz des Londoner Nachtlebens. Bunt, multikulturell und weltoffen ist das Ausgeh- und Vergnügungsviertel unweit von Piccadilly Circus, Oxford- und Regent Street eines der lebhaftesten Quartiere Londons. Auf wenig Raum reihen sich dort alternative Cafés und Geschäfte, Bars und Clubs, tolle Pubs und großartige Restaurants aneinander. Was ihr dort alles entdecken könnt, findet ihr in unseren Detail-Artikeln.

Über den Autor
Tina

Warum ich mein Herz an London verloren habe? Weil ich, ich geb's zu, ein Kulturjunkie bin. Am liebsten wandele ich in der Stadt auf den Spuren von Musikern und Autoren, trinke Pints, wo Dylan Thomas trank, tanze, wo einst David Bowie konzertierte. London hat den Ruch des alten Europas, ist aber trotzdem überhaupt nicht oll! Auf geht's: London Calling!

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